Mit Vollgas Richtung Zukunft.
Von Daniel Zitto. Vorab: Nein, sie läuft noch nicht. Und ja, sie könnte laufen, wenn die Politik nicht wäre. Die Achterbahn am Nürburgring. „Es gibt im Moment sicher einfachere Jobs“, befindet Marketingchefin Claudia Seibel.. Nach den medialen Schlammschlachten um den Aus- und Umbau des Nürburgrings ringt das Team der Nürburgring Automotive GmbH sichtbar nach USPs – den vermarktbaren Aktivposten der „berühmtesten Rennstrecke der Welt“. Neben Formel-1-Circut und Nordschleife entstanden 2009 eine Mehrzweckhalle, ein Einkaufsboulevard, die Erlebnisgastronomie „Eifeldorf“, neue Hotels, eine Achterbahn und ein Vergnügungspark. So holprig klingt dann auch der 5-zeilige Kernsatz zum „Neuen Nürburgring“. Eifel, Motorsport, Erlebniswelt, Firmenkundengeschäft – das alles muss unter einen Hut gebracht werden. Im Spannungsfeld zwischen regionaler Strukturförderung und individuellem Größenwahn gab die Politik eine Marschrute vor, die es heute mit Leben zu füllen und ganz konkret zu refinanzieren gilt. Wie rund 40 WJMler feststellen, arbeiten an diesem Projekt fleißige und motivierte Menschen. Sie schaffen es, uns bei Benzingeruch und Logencatering einen neuen Blick auf den Nürburgring zu vermitteln. Bei der Anreise nieselt es, wie wir es von der Eifel erwartet hatten. Uns fällt sofort der Vergleich zu einem anderen rheinland-pfälzischen Großprojekt in der Provinz ein – dem Flughafen Hahn im Hunsrück. Großflächig verbaut wirken Sichtbeton, Metall und Glas auch in der schönen Eifel-Landschaft wie Fremdkörper, lassen uns aber auch stauen. Wer ein paar Jahre nicht hier war, erkennt den Nürburgring nicht wieder. Zum 10. Lauf der VLN-Langstreckenmeisterschaft sind wir in eine Loge mit Balkon und bester Sicht auf die Start-Ziel-Gerade sowie die Boxengasse eingeladen. Aus dieser Perspektive ein einmaliges Erlebnis - der ohrenbetäubenden Start von ca. 190 Fahrzeugen, vom Opel Manta mit Fuchsschwanz bis zum hochgezüchteten Mercedes SLR. Danach haben wir viel Zeit, entlang der Rennstrecke das Fahrerfeld unterschiedlichster Klassen zu beobachten, im Fahrerlager die Trucks und in den Boxen die Techniker bei der Arbeit zu erleben. So dicht kommt man nach Aussage einiger Kenner unter den WJM-Teilnehmern bei keiner Motorsportveranstaltung ans Geschehen heran. In einem Vortrag erklärt Patrick Wendt, Vertriebsleiter der Nürburgring Automotive GmbH, die Entwicklung einer integrierten Vermarktungsstrategie. Ein Pfund sind die Motorsportveranstaltungen. Als einzige Rennstrecke weltweit sei der Ring vollkommen ausgebucht übers Jahr. „Wir können uns den Luxus erlauben, Veranstaltern zu- oder abzusagen, wie es uns gefällt“. Lediglich die Formel 1 ist für die nächsten Jahre noch nicht gesichert. Hier ist man auf das Wohlwollen von Bernie und Kurt angewiesen. „Alleine für sich ist die Königsklasse eine Minus-Veranstaltung.“ Die Rennstrecken zahlen mittlerweile ein Startgeld für die Ausrichtung eines Rennens, die Refinanzierung ist nicht möglich, weil Bernie Ecclestone eigene Sponsoren mitbringt. Die Landesregierung um Kurt Beck müsste das Ausrichtungsrecht mitfinanzieren. „Eine Formel 1 ohne den Nürburgring kann ich mir aber trotzdem nicht vorstellen“, sagt Wendt „wo doch der Kernmarkt in Europa liegt. Bei den asiatischen und arabischen Rennen sind regelmäßig die Ränge leer.“
Auch mit der Eifel als regionalem Standort will man punkten. Das funktioniert gut, denn der Himmel hat sich mittlerweile aufgehellt. Die Herbstsonne wärmt rotgoldene Hügelketten in der Ferne hinter den Tribünen. Schnell kommen wir zu einer wichtigen Botschaft der heutigen Veranstaltung. Der Ring ist ideal für Firmenevents. „Hier laufen Ihre Mitarbeiter nicht weg, wo sollen sie auch hin. In Berlin haut die Hälfte nach dem Essen ab“, so Wendt. Mit Motorsportflair auch abseits der Renntage und der neu erbauten Erlebniswelt will man Produktlaunches, Messen und Jubiläen anlocken. In der Autobranche funktioniere das schon ganz gut, es gäbe aber insgesamt viel Wachstumspotential. Und deshalb werden wir in kleinen Gruppen im Anschluss durch den „ring°boulevard“ geführt und zur Mehrzeckhalle „ring°arena“. Hier eröffnet sich viel Potential, um nicht zu sagen Wachstumsdruck. Leere Flächen soweit das Auge reicht, eine schlecht frequentierte Ladenpassage und eine suboptimal dimensionierte Veranstaltungshalle. „Für Vieles ist sie zu klein und für Vieles zu groß…“, so Dennis Steffens, der den Tag für die WJM organisierte. Immerhin, Schlagerstar Andrea Berg hat hier schon mal von der heilen Welt gesungen. Im „ring°werk“, einem automobilen Freizeitpark, dürfen wir im 4D-Kino eine holprige Fahrt im Bus durch die Eifel und über den Ring machen. Zurzeit freuen sich hier die Besucher über kurze Wartezeiten, ob das Ganze kostendeckend bewirtschaftet werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Wahr ist aber auch, für alle Anfragen ist man am Nürburgring gerüstet. Go-Kart selber fahren, im Ring-Taxi fahren lassen oder eine Loge mieten bei Motorsport-Terminen – wer eine Firmenveranstaltung plant, kann auf die unterschiedlichsten Lokalitäten und Arrangements zurückgreifen. Alles selbstverständlich immer mit einem Hauch verbranntem Gummi in der Nase.
Das Fazit des MvO ist positiv. Zwar sind „Potentiale“ und „Chancen“ die meist gebrauchten Worte an diesem Tag. Aber beides ist vorhanden und die Vertriebsmannschaft packt kräftig an. Wir WJMler haben Respekt und sollen die Botschaft weiter tragen, von den neuen Möglichkeiten berichten und gute Stimmung verbreiten. Wir kommen auf jeden Fall wieder und sehen, was aus unseren Steuergeldern wird. „Es gibt noch eine Menge zu tun“ sagt Claudia Seibel bei der Verabschiedung, „wenn erstmal die Achterbahn fährt, dann wird unsere Arbeit sehr viel einfacher.